Biografie Wilhelm Löhe
Wilhelm Löhe 1808-1872
Wilhelm Löhe zählt zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Diakonie des 19. Jahrhunderts. Durch sein Wirken in dem kleinen fränkischen Dorf Neuendettelsau wurde sein Name weit über den bayerischen Raum hin bekannt. In Neuendettelsau gründete er im Jahre 1854 die erste bayerische Diakonissenanstalt, die sehr bald zu einer der größten diakonischen Einrichtungen in Deutschland wurde.
Heute steht die Diakonie Neuendettelsau in der Nachfolge der Löheschen Gründung. Die heutigen großen Arbeitsgebiete der Diakonie Neuendettelsau im Bereich der Behindertenhilfe, des Krankenhauswesens, in der Altenhilfe und vor allem im Bildungsbereich wurden bereits von Löhe eröffnet. Durch die Arbeit der Diakonissenanstalt und der ebenfalls von Wilhelm Löhe gegründeten Missionsanstalt wurde sein Name und der Ort Neuendettelsau weit über den deutschen Raum hin bekannt. Aber auch als Theologe wurde Löhe weithin bekannt. Seine Predigten wurden über den Ort Neuendettelsau hinaus geschätzt, er steht für die Erneuerung des evangelischen Paramentenwesen und wurde als strenger Vertreter des lutherischen Bekenntnisses wahrgenommen.
Wilhelm Löhe wurde am 21. Februar 1808 in Fürth geboren. Seine Eltern führten in Fürth einen Warenhandel und gehörten zu den angesehenen Persönlichkeiten der Kleinstadt. Bereits in der Kindheit deutete sich an, dass für Löhe nur der Beruf des Pfarrers in Frage kam. Löhe wurde der Besuch des Nürnberger Gymnasiums ermöglicht, dem das Studium der Theologie in Erlangen und Berlin folgte. In Berlin besuchte er die Vorlesungen von Friedrich Schleiermacher und hörte dessen Predigten im Dom, in Erlangen prägten ihn der reformierte Theologe Christian Krafft und der Mineraloge Karl von Raumer, welche dem Kreis der Erlanger Erweckungsbewegung angehörten. Hier lernte Löhe die ersten diakonischen Aktivitäten kennen. Raumer hatte 1824 in Nürnberg das erste bayerische Rettungshaus eröffnet, fast zeitgleich wurde in Erlangen ein Rettungshaus ins Leben gerufen.
Nach der Ablegung der Examensprüfung im Oktober 1830 folgte 1831 seine Ordination in Ansbach. Seine Examenspredigt brachte ihm den zweifelhaften Ruf eines Mystikers und Pietisten in Bayern, welches in dieser Zeit vom Rationalismus geprägt war, ein. Dieser Ruf eilte Wilhelm Löhe voraus und trug dazu bei, dass sich die Suche nach einer Vikariatsstelle schwierig gestaltete. Bis 1837 wirkte Wilhelm Löhe in nicht weniger als elf Orten als Vikar und Pfarrverweser, ehe er am 1. August sein Amt als Pfarrer in Neuendettelsau antrat. Es sollte seine erste und einzige Pfarrstelle bleiben. Mit seiner Frau Helene, geborene Andreäa aus Frankfurt am Main zog er in das Neuendettelsauer Pfarrhaus ein. Das eheliche Glück währte nur kurz. Im Jahr 1843 erkrankte seine Frau schwer und verstarb an den Folgen, ein Jahr später verstirbt der jüngste Sohn Phillip. Die beiden Söhne, Ferdinand und Gottfried, und seine Tochter Marianne werden von Löhes Mutter und Schwester aufgezogen. Löhe heiratete nicht wieder.
In diese schwierige familiäre Situation fällt der Beginn der Löheschen Nordamerika-Arbeit, aus der sich die Missionsarbeit heraus entwickeln sollte. Von Neuendettelsau aus betreut er seit 1841 die fränkischen Nordamerikaauswanderer. Die sogenannten „Nothelfer“ erhielten von Löhe ein theologisches Rüstzeug, um in Nordamerika die lutherischen Christen in ihrem Glauben zu unterstützen und Gemeinden aufzubauen. Zusammen mit seinem Freund Friedrich Bauer eröffnet er 1846 in Nürnberg die „Vorbereitungsanstalt für Nordamerika“, welche 1853 nach Neuendettelsau verlegt wurde. In Nordamerika wird der Name Löhe weithin in den amerikanischen Synoden bekannt. Durch seine ausgeprägte konfessionelle Haltung kommt es aber zu einem Abbruch der Zusammenarbeit mit den Synoden Anfang 1850. Der Kontakt nach Nordamerika bleibt aber bestehen, vor allem durch die Entstehung amerikanischer theologische Seminare. So verstehen sich heute das Wartburg Theological Seminary in Dubuque/Iowa und das Wartburg Theological Seminary in Waverly/Iowa als Löhesche Gründungen, obwohl Löhe selbst nie nach Nordamerika reiste.
Löhes Name steht auch für die Gründung von Siedlungen in dem amerikanischen Bundesstaat Michigan. Löhe stellte Auswanderergruppen zusammen, welche sich geschlossen ansiedelten. Es entstanden die Ortschaften Frankenhilf, Frankenlust, Frankentrost und das heute überregional bekannte Frankenmuth, dass im Winter 1845 gegründet wurde.
Die größte Wirkung entfaltete Löhes diakonische Arbeit. Bereits seit 1837 war Löhe auf diesem Gebiet in Neuendettelsau tätig geworden. Eine Kleinkinderschule wurde errichtet und die Mädchen erhielten Handarbeitsunterricht in der Industrieschule. Erst durch die Gründung der Diakonissenanstalt am 9. Mai 1854 waren diesen Initiativen langfristiger Erfolg beschieden. Bereits 1849 hatte Löhe die „Gesellschaft für innere Mission“ ins Leben gerufen als Antwort auf die Reise Johann Hinrich Wicherns durch Bayern.
Löhes Ansatz von innerer Mission unterschied sich von dem Wicherns. Löhe wollte, dass Diakonie vom Altar her ausgehe und sah diakonische Arbeit im Bereich der Kirche verortet, er lehnte das Vereinsprinzip Wicherns ab. In der Zielsetzung stimmte Löhe mit Wichern überein. Durch die Unterstützung sozial schwacher oder kranken Menschen sollten diese direkte Hilfe erfahren, um sie auf diesem Weg zurück zum Glauben zu führen. Beide Persönlichkeiten begegneten sich nie, standen aber seit Mitte der 1860 Jahre in schriftlichen, wenn auch nicht ausgeprägten, Kontakt. Durch die diakonischen Initiativen Löhes entwickelten sich zwei diakonische Ausrichtungen in Bayern. Zum einem der Kreis um Löhe und zum anderen ein Kreis, der Wicherns Weg verfolgte.
Die Diakonissenanstalt in Neuendettelsau , welche als erste deutsche Einrichtung dieser Art nicht in einer Stadt errichtet worden war, wuchs rasch an, so dass sich Neuendettelsau zum diakonischen Zentrum in Bayern entwickelte. 1870 war Neuendettelsau das viertgrößte Mutterhaus in Deutschland. Die Arbeit bleib nicht auf Neuendettelsau beschränkt. Die Zweigvereine des „Lutherischen Vereins für weibliche Diakonie in Bayern“, ebenfalls 1854 von Löhe eröffnet, errichteten in Städten wie Nürnberg oder Fürth Kleinkinderbewahranstalten oder Krankenpflegevereine. Die in Neuendettelsau ausgebildeten Diakonissen wirkten in bayerischen Dörfern und Städten in der Gemeindekrankenpflege, in Krankenhäusern oder Kindergärten und wurden zum Sinnbild diakonischer Arbeit. Wilhelm Löhe wirkte auch am Aufbau von Mutterhäusern im Ausland mit, etwa in Reval oder Sarata in Bessarabien. Löhe entsandte Diakonissen auch nach Nordamerika oder in das französische Nizza.
Von einem innovativen Weitblick ist Löhe Bildungskonzept gekennzeichnet. Die Diakonissenanstalt Neuendettelsau wurde von Wilhelm Löhe ganz bewusst als Bildungsanstalt eröffnet. Die Ausbildung stand nicht nur Frauen und Mädchen offen, die Diakonisse werden wollten, sondern war allgemein zugänglich. Löhe ermöglichte dadurch vielen Frauen den Zugang zu Bildung. Im Unterricht war Löhe dabei die Verknüpfung von theoretischen und praktischen Unterricht sehr wichtig. Die theologische Zurüstung wurde ergänzt durch akademische Stunden.
Wilhelm Löhe hinterlässt ein reiches literarisches Werk. Nicht weniger als 9.000 Briefe sind von ihm erhalten, mehr als vierzig theologische Bücher und Schriften verfasste er, wobei sein Gebetbuch „Samenkörner des täglichen Gebets“ mehr als vierzig Auflagen erreichte. Löhes Gesammelte Werke umfassen dreizehn Bände mit mehr als 6.500 Druckseiten. Zudem Er war er Herausgeber von drei Zeitschriften.
Wilhelm Löhe verstarb am 2. Januar 1872 in Neuendettelsau. Zu diesem Zeitpunkt war die Diakonissenanstalt Neuendettelsau zu einer der größten Einrichtungen in Deutschland angewachsen, ein internationales Netzwerk diakonischer Arbeit aufgebaut. In der Liturgie hinterließ Wilhelm Löhe viele neue Impulse. Sein strenges lutherische Bekenntnis kennzeichnete ihn aus, führte ihn aber auch in eine Isolation. In Bayern und in lutherisch geprägten Ländern prägte er die diakonische Arbeit durch seinen Ansatz.
Wilhelm Löhe: „Wir in unserer Heimath sollten Innere Mission und Diakonie vom Altare aus und zu dessen Ehren treiben, und zwar so, daß man an unserer Absicht gar nicht zweifeln könnte. Habe ich etwa gedacht, Wichern oder Fliedner auszustechen? Gewiss kein Gedanke, kein Wunsch, keine Absicht. Ich verehre die Männer aufrichtig und bewundere sie, und ihr großes mächtiges Gelingen wird von mir weder beneidet, noch gewünscht und gesucht. Gott schenke es ihnen tausendfältig. Was ich aber wollte und noch will, ist weiter nichts, als den Beweis liefern, daß der Herr auch meine der augsburgischen Confession so zu sagen angestammte Heimath und uns arme Lutheraner deshalb, daß wir das Fähnlein der ungemischten Abendmahlsgemeinschaft emporhielten, weder von der inneren Mission, noch von der heiligen Diakonie des 19. Jahrhunderts ausschließe, sondern uns trotz allen Widerstandes von nah und fern fördern könne und werde. All unser Tun, wie wenig oder viel es sei, hat keine andere Absicht gehabt und hat noch keine andere, als die schöpferischen Worte unseres allerheiligsten Konsekrators im Sakrament des Altars zu ehren. Alle unsere gesamte Arbeit möchten wir armen Leute von Dettelsau als einen geringen, aber immer blühenden Kranz des Dankes und des Lobes seinem Altar weihen.“
Weitere Informationen zur Geschichte der Diakonie Neuendettelsau finden Sie unter
http://www.diakonieneuendettelsau.de/

