Wichern 2008
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Wichern 2008

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Prominente Zeitgenossen aus Kirche und Gesellschaft beschreiben, welche Bedeutung Wichern für sie hat.

Dr. Margot Käßmann, Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers:
Ich finde interessant, dass Johann Hinrich Wichern seine berühmte Rede zur Inneren Mission auf einem Kirchentag hielt. Sie sollte auch im Kontext gesehen werden, denn die Tage vom 21. bis 23. September 1848 waren die Geburtsstunde der ersten evangelischen Kirchentagsbewegung. Wenige Wochen vor dem ersten deutschen Katholikentag in Mainz fand hier im Revolutionsjahr eine „Versammlung evangelischer Männer“ statt, welche die Evangelischen zu einem Bund der Kirchen rufen sollte. Indem Wichern anregte, dass dem sozialen Elend durch Armenpflege, dem Unglauben durch Verkündigung und dem Atheismus durch literarische Auseinandersetzung begegnet werden sollte, gab er den Anstoß für die Gründung von Vereinen und Anstalten der Innere Mission. So ist es angemessen, dass die Diakonie jenen Kirchentag als ihren Ursprungsort ansieht.

Aber immerhin wurden bis 1872 weitere 15 solcher Kirchentage durchgeführt. Die Versammelten kamen ohne kirchlichen Auftrag zusammen – insofern gab es gewisse Parallelen zum heutigen Kirchentag als Laienbewegung. Jene Kirchentage waren wichtige Orte der Debatte um theologische und kirchliche Fragen. Wer die Themen jener Zusammenkünfte verfolgt: Staat und Kirche, Sonntagsheiligung, Christ und Obrigkeit, Sekten und christliche Schulen entdeckt Vergleichbares zu mancher aktuellen Debatte. Daher hat der Deutsche Evangelische Kirchentag in Wicherns Anregung zur Zusammenkunft von 1848 immer einen Anknüpfungspunkt gesehen, wenn auch nicht eine unmittelbare Kontinuität. Und so war es angemessen, im September 1998 einen Kirchentag der Diakonie in Wittenberg durchzuführen. Dass aber neben den sozialen Herausforderungen der Industrialisierung ein zentrales Anliegen jener Kirchentage war, die Zersplitterung des der Evangelischen Kirchen zu überwinden, sollte nicht vergessen werden.

Bischof Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland:
An Johann Hinrich Wichern (1808-1881) fasziniert sein Unternehmungsgeist aus christlichem Glauben. Beeindruckend ist seine Bereitschaft, in relativ jungen Jahren die Initiative zu ergreifen, sich das Elend, vor allem junger Leute, während seiner Lehrerzeit aus der Nähe anzuschauen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Von diesem Impuls her hat er dann prägende Institutionen geschaffen, ohne die man sich die heutige Diakonie gar nicht vorstellen könnte. Dazu kommt Wicherns ungeheure Begeisterungsfähigkeit, die ansteckend wirkte.

Seine Grundidee, Glauben und Liebe als gleichgewichtige Grundelemente christlicher Existenz zu verstehen und dem institutionelle Gestalt zu geben - im Rauhen Haus in Hamburg, im Johannesstift in Berlin, in dem groß angelegten, wenn auch schließlich gescheiterten Versuch einer Gefängnisreform in Preußen - das macht für mich das Besondere an Wichern aus.

Deshalb brauchen wir ihn heute aber nicht zu verherrlichen. Die Erinnerung an seinen 200. Geburtstag im Jahr 2008 könnte sich auch dadurch auszeichnen, dass man die Größe dieser historischen Figur auch darin zur Geltung kommen lässt, dass man zugibt, dass es dort, wo viel Licht ist, auch Schatten gibt.